Pädagogischer Leitfaden

des Vereins „Schmetterlinge“

Verein zur Bildung, Erziehung und Betreuung von Kleinkindern e.V.
in Herrenberg

 

1. Zielsetzung

Von klein auf sind wir Menschen eigenständige Persönlichkeiten mit individuellen Fertigkeiten, Fähigkeiten, Neigungen, Handlungsmöglichkeiten, Eigenschaften und Gefühlen.

Wir sind ein Produkt unserer Veranlagungen, Erfahrungen und Erziehung. Die entscheidenden Bindungen erhalten wir durch die Erziehung in der Familie. Die Pädagogik der Kleinkindergruppe „Schmetterlinge“ ergänzt und unterstützt diese Erziehung, ersetzt sie aber nicht.
Unser Anliegen ist es, den uns anvertrauten Kindern Raum zur freien Entfaltung und Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu bieten. Wir helfen ihnen dabei, indem wir Situationen schaffen, in denen Kinder die Möglichkeit finden, sich gemeinsam mit anderen Kindern und mit der aufmerksamen Begleitung der Erwachsenen selbstbestimmt, kreativ und phantasievoll mit ihrer Realität auseinander zu setzen und adäquate Spiel- und Lernformen selbst zu finden.

 

2. Eingewöhnungszeit

Ein vorherrschendes Thema von Kindern im zweiten Lebensjahr ist die beginnende Loslösung von den Eltern und die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit.

Die Aufnahme des Kindes in die Kleinkindergruppe ist ein großer Schritt aus seinen bisherigen vertrauten Lebensgewohnheiten heraus in eine neue, noch unbekannte Umgebung. Diesen Schritt unter der einfühlsamen Obhut und Begleitung der Eltern zu tun, ist von großer Bedeutung auch für spätere Bindungs- und Loslösungsprozesse. Für die Zeit der Eingewöhnung erwarten wir daher, dass die Eltern am Anfang in der Gruppe mit anwesend sind, ihr Kind begleiten und sich dann allmählich für immer längere Zeitspannen aus der Gruppe zurückziehen.

Aus dieser sicheren Bindung können die Kinder zunächst die neue Umgebung erkunden und eine Beziehung zu den Erzieherinnen und den anderen Kindern aufbauen.

 

3. Tagesablauf

Wir legen Wert auf einen klar strukturierten Tagesablauf mit regelmäßig wiederkehrenden Ritualen. Dies macht den Vormittag für die Kinder überschaubar und vermittelt ihnen Sicherheit und Geborgenheit.
Jedes Kind wird am Morgen persönlich in Empfang genommen und beginnt seinen Tag mit dem Freispiel, bei dem es von den Erzieherinnen so weit wie nötig aktiv begleitet wird.

Um 10 Uhr versammelt sich die Gruppe zum gemeinsamen Morgenkreis in dem wir jedes Kind mit Namen begrüßen, Lieder singen sowie Finger- und Bewegungsspiele anbieten.

Anschließend darf jeden Tag ein anderes Kind als LokomotivführerIn die Gruppe in unser „Vesperzimmer“ zum gemeinsamen zweiten Frühstück führen.

Nachdem die Kinder gewickelt worden sind bzw. auf der Toilette waren, starten wir zum gemeinsamen täglichen Spaziergang.
Mit der Rückkehr vom Spaziergang beginnt die Abholzeit.

 

4. Schwerpunkte der pädagogischen Arbeit

Wichtige Themen in der Entwicklung von Kindern im 2. Lebensjahr sind die Erweiterung und Verfeinerung ihres Bewegungsrepertoires sowie ihrer Sinneswahrnehmung, der beginnende Spracherwerb und der Kontakt zu Gleichaltrigen. Daraus leiten wir die Schwerpunkte unserer pädagogischen Arbeit ab:

a) Förderung der Sensomotorik

Jedem gesunden Kind wohnt ein natürlicher Bewegungs- und Forscherdrang inne. Über die Bewegung machen die Kinder entscheidende Lernerfahrungen über sich selbst und ihre Umwelt. Bewegung hilft ihnen zu einem sicheren Körpergefühl, einer guten Körperkoordination und zu einer sicheren Vorstellung dessen, was ihr Körper ist und kann. Indem sie sich bewegen, verschiedene Dinge und Materialien berühren und mit ihnen hantieren, schulen sie ihren Gleichgewichtssinn und die Tiefenwahrnehmung und Berührung ihres Körpers und fördern damit gleichzeitig die gute Verarbeitung sämtlicher Sinneseindrücke aus ihrer Umgebung.

Bewegung ist der Motor jeglicher Entwicklung und jeglichen Lernens. Bewegungsangebote und Hilfen zum Selber–Tun nehmen daher einen breiten Raum im Gruppenalltag ein: Im Spielzimmer und vor allem in unserem extra eingerichteten Bewegungszimmer mit Matratzen, Sprossenwand, Rutsche, Schaukel etc, im Garten, auf unseren Spaziergängen und den nahe gelegenen Spielplätzen sollen die Kinder hüpfen, klettern, springen, kriechen, schaukeln, balancieren, rutschen, Stühle schieben, Matratzen schleppen können, usw.. Im Sandkasten, beim Bohnenbad, beim Matschen mit Ton, beim Malen an der neu errichteten Malwand sollen den Kindern vielfältige Wahrnehmungsreize für die Haut geboten werden, die sowohl die Groß- als auch die Feinmotorik fördern.

In der Pflegesituation, beim zweiten Frühstück oder beim Anziehen für den Spaziergang sollen die Kinder soweit als möglich selbst mithelfen können.Sich selbst die Hände zu waschen, selbst den Apfelsaft einzuschenken gehört ebenso dazu, wie die Hausschuhe alleine auszuziehen oder selbst in den Buggy zu klettern.

Wenn beim Spiel ein Problem auftaucht, ein Kind z. B. nicht an das gewünschte Spielzeug im Regal heranreicht oder wenn ihm ein Spielzeug unter den Tisch gefallen ist, wird es dazu ermuntert, seine eigene Lösung zu finden: „Wie könntest Du Dich denn größer machen“ oder „Wie kannst du dich so klein machen, dass Du darunter passt“ ?
Durch den Erwerb eines guten und sicheren Körperbewusstseins ist das Kind auch in der Lage, sich gut im Raum zu bewegen, auf seine Mitmenschen zuzugehen und mit ihnen in Kontakt zu treten.

b) Förderung der Sprachentwicklung

Kinder sind neugierig und unternehmungslustig. Sie versuchen nicht nur alle Dinge in den Mund zu nehmen, sie nehmen auch unsere Wörter und Laute in den Mund, versuchen sie nachzuahmen und wiederholen vieles, was sie hören. Dies ist in den ersten zwei Lebensjahren ein aktiver Schritt zum Sprechen lernen. So entspinnt sich z.B. schon mit ganz wenigen Worten ein Dialog zwischen einer Eineinhalbjährigen und einer Zweijährigen: 1.: „Mama“ – 2.: „Schule“ – 1.: „Papa“ – 2.: „Auch Schule“

Im Freispiel schaffen wir für die Kinder Spiel– und Kommunikationssituationen mit Gleichaltrigen. Der tägliche Sitzkreis beginnt immer mit demselben Begrüßungslied, bei dem jedes Kind persönlich angesprochen wird und die Kinder miteinander namentlich vertraut gemacht werden. Dem schließen sich wiederkehrende einfache Fingerspiele, Lieder oder kleine Tänzchen an, und oft sind es diese Inhalte, die dann zu Hause erstmals reproduziert werden. Beim gemeinsamen Bilderbuch-Betrachten werden einzelne Gegenstände gesucht und gefunden, benannt oder in kurze Handlungsabläufe gestellt, die es den Kindern später auch ermöglichen, kleinen Geschichten Folge zu leisten. Auch geben wir den Sprechabsichten der Kinder genügend Raum indem wir – auch noch so unvollkommene –Äußerungen aufgreifen und adäquat reagieren. So wird das „Tüt-Tüt“ eines auf einen Stuhl gekletterten Kindes „richtig“ verstanden und dieses auf seinem Stuhl an den nahen Tisch geschoben, auf den es vorher sein Puzzle gelegt hat.

Das Spielmaterial bei den „Schmetterlingen“ unterstützt die Kinder, sich zunächst mit einfachen symbolischen Handlungen spielerisch mit ihrer Umwelt auseinander zusetzen. Somit gelingt den Kindern ein verbessertes Verständnis für Sprache, als Voraussetzung dafür, sich differenzierter sprachlich mitteilen zu können. Die Kinder kochen beispielsweise mit Kastanien Kaffee für die anderen oder fertigen aus Knete Eisbecher, die dann gemeinsam „verspeist“ werden.
Indem die Erzieherinnen im täglichen Umgang ihre eigenen oder die Handlungen der Kinder sprachlich begleiten, können Kinder die Bedeutung der Begriffe besser verstehen und erwerben: „So, jetzt machst du deinen Waschlappen nass und dann wäschst du dir dein Gesicht ab und ich bringe dir das Handtuch.“

Bei den älteren Kindern initiieren wir Rollenspiele als weiteren Baustein für die sprachliche Auseinandersetzung mit anderen Kindern, indem sie einkaufen spielen oder sich gegenseitig mit dem „Doktorkoffer“ verarzten.

c) Förderung des sozialen Lernens

Die Kinder sind in einem Alter, in dem ihnen das Zusammensein mit erwachsenen Personen nicht mehr ausreicht und in dem sie zunehmend Interesse an Beziehungen mit Gleichaltrigen haben.

Die Kleinkindergruppe bietet den Kindern die Möglichkeit zu vielfältigen und wichtigen Erfahrungen mit Gleichaltrigen. Bereits in diesem Alter beeinflussen sich die Kinder gegenseitig und lernen voneinander. Die Gleichaltrigenkontakte bieten ein ideales Übungsfeld, um die Wirkung eigener Verhaltensweisen auf andere zu beobachten und diese abstimmen zu lernen. Sie tragen somit wesentlich zur Entwicklung des Selbstbildes und Selbstwertgefühls bei.

In der Freispielphase kommt es bei den jüngeren Kindern in der Gruppe neben dem Einzelspiel auch häufig zum Parallelspiel. Dabei spielen die Kinder in unmittelbarer Nähe nebeneinander. Sie erleben erste Formen des Zusammenspiels, indem sie einander zuschauen, sich durch die Spielatmosphäre gegenseitig „in Gang“ halten oder versuchen, ihr Spielzeug zu tauschen. Typisch für dieses Alter ist, dass der Tausch nicht klappt und es zum Konflikt kommt. Vom Entwicklungsstandpunkt sind solche Besitzkonflikte durchaus positiv. Die Kinder machen zum ersten Mal Erfahrungen darüber, welche Eigenschaften Gleichaltrige haben. Mit Unterstützung der Erzieherinnen lernen sie zunehmend abzuwechseln, zu teilen, abzuwarten und Absprachen zu treffen. Wir vermitteln ihnen grundlegende Regeln im Umgang mit anderen: z.B. nicht zu schlagen, zu schubsen, zu kneifen, sondern statt dessen eigene Wünsche soweit möglich mündlich zu artikulieren.

Im 3. Lebensjahr kommt es im Freispiel auch schon zu ersten selbstorganisierten Spielen in der Kleingruppe, bei denen die Kinder untereinander die Spielregeln selbständig abstimmen.

Die differenzierte Raumgestaltung mit verschiedenen Spielbereichen und Rückzugsecken sowie das vielfältige Spielmaterial für Konstruktions-, Bewegungs- und Rollenspiele fördert – neben der geistigen und motorischen Entwicklung – auch das soziale Lernen in der Gruppe während der Freispielsphase.

Ein weiteres soziales Lernfeld sind die gemeinsamen Gruppenaktivitäten im Tagesablauf. Im Morgenkreis nehmen die Kinder bewusst wahr, welche Kinder da sind und lernen die Namen der anderen Kinder kennen. Sie ahmen das Vorbild der Erzieherinnen aber auch der älteren Kinder beim Singen und bei kleinen Kreisspielen nach. Beim gemeinsamen Vesper hat jedes Kind seinen festen Essensplatz. Die kleine, für die Kinder überschaubare Tischgemeinschaft bietet gute Voraussetzungen, um entspannt zu essen und kleine Erlebnisse zu erzählen. Die Kinder lernen erste Gruppenregeln, z.B. solange sitzen zu bleiben, bis alle Kinder am Tisch fertig sind.

 

5. Elternarbeit

Selbstverständlich findet die Umsetzung dieser pädagogischen Ziele stets am jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes orientiert und in enger Zusammenarbeit mit seinen Eltern statt.

Dazu laden die Erzieherinnen zu jeweils einem Gespräch am Ende der Eingewöhnungszeit und zum Abschluss der Betreuungszeit ein. Gemeinsam klären wir, wie weit das Kind nach dem Eingewöhnungsprozess in der Gruppe angekommen ist, wo seine persönlichen Stärken und Interessen liegen und welches seine nächsten Einwicklungsschritte sein werden. Im Abschlussgespräch schauen wir gemeinsam auf seine Zeit bei den Schmetterlingen zurück und auf die Entwicklung, die es dabei vollzogen hat.

Neben diesen beiden verbindlichen Gesprächen sind jederzeit weitere Gespräche möglich, die den aktuellen Entwicklungsstand des Kindes darlegen und die Arbeit in der Gruppe transparent machen sollen.

 

6. Zum Abschluss

Wir hoffen, dass unser pädagogischer Leitfaden Ihnen viele Fragen beantworten kann und Ihnen einen guten Einblick in unsere Arbeit gibt.

Da wir auch in Zukunft den jeweiligen aktuellen Bedürfnissen sowie der fortschreitenden Entwicklung der Hirnforschung und Neurobiologie gerecht werden wollen, wird es immer wieder Veränderungen in unserer pädagogischen Arbeit geben.

Daher kann und soll unser pädagogisches Konzept nichts endgültiges sein und wird regelmäßig überprüft und gegebenenfalls verändert.